Verantwortung für Magdeburgs Kleingärten
- Redaktion Gartenzeitung

- 18. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Solidarität ist Verantwortung – nicht Symbolik
Mit dem kürzlich veröffentlichten Beitrag „Leerstand ist kein Schicksal – sondern eine Gestaltungsaufgabe“ hat unser Verein bewusst eine sachliche und offene Debatte angestoßen. Darin wurden die konkrete Situation in der Anlage, die besonderen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die daraus folgenden Handlungserfordernisse dargestellt.
Der vorliegende Artikel führt diese Überlegungen fort und richtet den Blick über die eigene Situation hinaus. Er stellt die Frage, wie Kleingartenflächen in Magdeburg insgesamt geschützt, gestärkt und zukunftsfähig weiterentwickelt werden können – und welche Rolle Solidarität, Verbandsarbeit und strategische Steuerung dabei spielen.
Die Ausgangslage: Urbaner Druck und Wertewandel
Der Druck auf Kleingartenflächen nimmt bundesweit spürbar zu. In vielen Städten geraten Kleingartenanlagen zunehmend in Konkurrenz zu Wohnungsbau, Infrastrukturprojekten und städtebaulichen Entwicklungsinteressen. Diese Entwicklung ist kein kurzfristiger Effekt, sondern Ausdruck einer veränderten Bewertung urbaner Flächen. Entscheidend ist dabei nicht allein, dass dieser Druck existiert, sondern wie Städte, Verbände und Vereine darauf reagieren.
Denn längst geht es nicht mehr nur um einzelne Parzellen oder temporären Leerstand. Es geht um die grundsätzliche Frage, welchen Stellenwert Kleingärten als dauerhafte soziale, ökologische und stadtstrukturelle Infrastruktur haben – und ob dieser Stellenwert aktiv vertreten und gesichert wird oder schleichend an Bedeutung verliert.
Magdeburg: Rechtlich gesichert, strukturell gefordert
Unsere Kleingartenanlage nimmt in diesem Kontext eine besondere Stellung ein. Sie ist nicht nur durch das Bundeskleingartengesetz geschützt, sondern darüber hinaus Teil eines eingetragenen Gartendenkmals. Dieser Schutzstatus ist real, wirksam und rechtlich belastbar. Unsere Anlage steht nicht zur Disposition.
Gerade dieser Schutzstatus macht jedoch sichtbar, wo es andernorts an vergleichbarer Absicherung fehlt. Der eigentliche Druck entsteht nicht dort, wo klare rechtliche Schranken bestehen, sondern dort, wo Kleingartenflächen ohne besonderen Schutzstatus schrittweise an Bedeutung verlieren, lediglich verwaltet statt aktiv gestaltet werden oder als verhandelbare Reserve erscheinen.
Kernbotschaft: Was heute bei vermeintlich „einfachen Fällen“ akzeptiert wird, prägt langfristig die politische und gesellschaftliche Wahrnehmung des gesamten Kleingartenwesens. Solidarität bedeutet deshalb nicht, den eigenen Schutz infrage zu stellen, sondern Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.
Solidarität entsteht aus Handlungslücken
Solidaritätsaktionen zur Verteidigung von Kleingartenflächen sind kein Selbstzweck. Sie entstehen dort, wo Vereine und Mitglieder wahrnehmen, dass strukturelle Herausforderungen nicht aktiv gesteuert, sondern lediglich erfasst, verwaltet oder vertagt werden.
Solidarität richtet sich dabei nicht pauschal gegen Institutionen, sondern auf ein strukturelles Defizit: Wo es an klaren Leitlinien, erprobten Instrumenten und strategischer Orientierung fehlt, entsteht Unsicherheit – bei Vereinen, bei Mitgliedern und letztlich auch in der öffentlichen Wahrnehmung.
Blick über Magdeburg hinaus: Was andernorts längst Praxis ist
Ein Vergleich mit anderen Städten zeigt deutlich, dass diese Herausforderungen lösbar sind. Allen Beispielen gemeinsam ist nicht die Größe oder Finanzkraft, sondern die aktive, gestaltende Rolle der Verbände.
Stadt | Strategie & Praxis |
Leipzig | Leerstand als Gestaltungsaufgabe; befristete Nutzungen und gemeinschaftliche Projekte; Leerstand gilt nur als Übergangsphase. |
Halle (Saale) | Gemeinschaftliche Bewirtschaftung leerer Parzellen zur Sicherung des Pflegezustands in enger Abstimmung zwischen Verein und Verband. |
Dessau-Roßlau | Pragmatische Übergangslösungen und Ermöglichung befristeter Nutzungen durch den Verband. |
Berlin | Gesetzliche Absicherung als Bestandteil der städtischen Daseinsvorsorge; keine Behandlung als "stille Reserve". |
Die Rolle des Verband der Gartenfreunde Magdeburg e.V.
Der Verband der Gartenfreunde Magdeburg e.V. trägt als Dachorganisation eine besondere Verantwortung. Er ist nicht nur formaler Zwischenpächter, sondern Interessenvertretung, Koordinator und strategischer Akteur für eine Vielzahl von Vereinen mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen.
Unser Verein nimmt innerhalb dieser Struktur eine besondere Stellung ein. Als Betreiber einer denkmalgeschützten Kleingartenanlage trägt er Pflege-, Verkehrssicherungs- und denkmalrechtliche Verantwortung, die in dieser Kombination nicht dem Regelfall anderer Vereine entspricht. Diese zusätzliche Verantwortung wird bislang jedoch nicht in dem Maße durch spezifische Steuerungsinstrumente, klar definierte Leitlinien oder eine erkennbare strategische Unterstützung auf Verbandsebene flankiert, wie es der Komplexität der Situation entsprechen würde.
Diese Feststellung ist keine Schuldzuweisung. Sie beschreibt ein strukturelles Spannungsfeld, das bislang nur wenige Anlagen betrifft, künftig jedoch an Bedeutung gewinnen wird.
Finanzierung schafft Verantwortung – und Anspruch auf Transparenz
Die Erwartung an eine aktive, gestaltende Rolle des Verbandes ist nicht nur inhaltlich, sondern auch finanziell begründet.
Beiträge: Der Verband finanziert sich zu einem erheblichen Teil über 36 Euro pro bewirtschafteter Parzelle und Jahr. Bei der Anzahl der bewirtschafteten Parzellen in Magdeburg ergibt sich daraus ein substantieller Gesamtetat.
Pachtvorteile: Der Verband profitiert zusätzlich von Nachlässen bei den Pachtzahlungen gegenüber der Landeshauptstadt Magdeburg (öffentliche Unterstützung).
Vor diesem Hintergrund ist festzustellen: Für die Mitgliedsvereine – und insbesondere für deren Mitglieder – ist bislang nicht nachvollziehbar, in welcher Weise diese Mittel gezielt zur Bearbeitung zentraler Zukunftsfragen eingesetzt werden. Weder beim Umgang mit Leerstand noch bei der Entwicklung neuer Nutzungsinstrumente oder bei der strategischen Absicherung besonders belasteter Anlagen ist eine klar erkennbare finanzielle Schwerpunktsetzung sichtbar.
Anspruch: Wer erhebliche Mittel zur Verfügung stellt, darf erwarten, dass diese Mittel nicht nur verwaltet, sondern konzeptionell, steuernd und entwickelnd eingesetzt werden.
Schlussfolgerung: Solidarität als Angebot
Solidarität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Konfrontation, sondern Angebot:
Ein Angebot an den Verband, gemeinsam tragfähige Instrumente zu entwickeln.
Ein Angebot an andere Vereine, Erfahrungen zu bündeln.
Ein Angebot an die Stadtgesellschaft, Kleingärten als aktiven Bestandteil urbaner Zukunft zu begreifen.
Wo Verbände gestalten, werden Solidaritätsaktionen überflüssig. Wo sie entstehen, sind sie ein Signal dafür, dass neue Antworten notwendig sind. Der Schutz von Kleingartenflächen entscheidet sich nicht allein im Gesetzestext, sondern im täglichen Umgang mit Nutzung, Pflege, Leerstand und öffentlicher Wahrnehmung.
Magdeburg verfügt über engagierte Vereine, rechtlich gesicherte Anlagen und ein starkes Fundament. Was es braucht, ist eine stärkere strategische Verzahnung von Verband, Vereinen und Stadt. Solidarität ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Verantwortung – für die eigene Anlage, für andere Vereine und für das Kleingartenwesen insgesamt.


